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Das Erste, was mir beim Auspacken des Buches auffiel, war das Gewicht. Ein Blick auf die Waage gibt mir Recht: für die Handtasche ist es eher nicht geeignet. Mit 660 Gramm eindeutig zu schwer. Also zog es direkt auf den Wohnzimmertisch. Der zweite Blick, na klar, fiel auf das Cover. Und das ist unglaublich gut gelungen. Außerdem gibt es keine Klebebindung, sondern hat eine Fadenbindung erhalten und ein Lesezeichenbändchen. Den Verlag über das Internet zu finden, ist eine Sache für sich, da helfen die fünf weiterführenden Internetadressen auf der letzten Seite eher weiter. Der Autor ist Jahrgang 1945 und hat recht spät mit dem Schreiben angefangen, dafür ist seine Vita bunt gemischt, was sich auch in den Themen seines Romanes widerspiegelt.
Von Manstein schreibt, dass sein Werk für Menschen von zwölf bis hundertzwölf ist, und das hat seinen guten Grund. Als Märchen, Abenteuer, Science Fiction, sozialkritisches Werk, mit Anleihen nicht nur aus der deutschen Geschichte, Missachtung von Lebewesen sowie Folterszenen ist es nichts für Kleinkinder. Eher für Junge und jung gebliebene Menschen. Vor allem sollte man offen sein für etwas völlig anderes als das, was einem sonst vor die Augen kommt. Am ehesten erinnert es mich an die Filmreihe Planet der Affen, nur hier handelt es sich hier um Bäume. Der Autor selbst nennt unter anderem das Buch von Peter Wohlleben „Das geheime Leben der Bäume“ als Anregung für seine Geschichte. Der manchmal einfacher daherkommende Schreibstil soll wohl hauptsächlich die Jugend ansprechen.
Und nun zum Inhalt: Der zwölfjährige Mario soll die Welt retten, denn er kann die Sprache der Bäume, und die sind gerade nicht gut auf die Menschen zu sprechen, sie sind auf dem Kriegspfad. Durch ein Missgeschick wurde dem Erfinder und Zeitreisenden Lam-Pi-Jong ein Gerät entwendet, dass Bäume und Menschen in ihren jeweiligen Lebens-Zeitgeschwindigkeiten verändern kann, den von ihm sogenannten Zeiter. Dadurch wird dem bösen Baum Reginald die Möglichkeit eröffnet, sich endlich an den Menschen zu rächen, die Wälder, Pflanzen und Tiere vernichten, ganz wie es ihnen beliebt. Es ist ihm zutiefst verhasst, dass die Menschen sich durch ihre schnellere Lebensgeschwindigkeit nicht die Zeit nehmen, den Bäumen zuzuhören. Durch den Zeiter aber kann Reginald die Bäume der Geschwindigkeit den Menschen näher bringen und die Menschen in Bäume verwandeln. Aber es gibt auch andere Stimmen im Land der Bäume. Und so können sich Mario, seine im Umweltschutz aktive Freundin Rado, der Zeitreisende samt guten Bäumen auf den Weg machen, alles wieder in die richtigen Bahnen zu lenken, sofern sie den Zeiter finden. Ihnen im Weg steht ein immer wieder wie ein Rohrspatz schimpfender Widerling, Herr Podoll. Bei ihren Abenteuern wird Mario durch sein eigenes Verschulden in Räumlichkeiten eingesperrt, für ihn eine Ewigkeit lang. Und auch als Leser glaubt man, er müsste inzwischen um Jahre gealtert sein, das ist er aber nicht. So ganz klar wird es nicht, was da passiert. Aber noch immer ist er ein Kind. Seine Mutter kann ihm nicht helfen, ist sie doch nach einem Vorfall ins Koma gefallen, zusammen mit dem Vater von Rado. Ob der Zeiter beide retten kann? Aber dafür müssen sie ihn finden. Geheimnisvolle Erfindungen von Lam-Pi-Jong begleiten sie, dabei kommt auch ein Drachen und vieles mehr mit ins Spiel. Es sind noch einige Protagonisten, die das Buch von Anfang bis Ende begleiten dabei, allerdings würde ich hier zu viel verraten.
Meine Meinung: Manchmal ist es gut, sich auf etwas Neues einzulassen. Das Thema Umwelt- und Tierschutz hat in der Politik in den letzten Jahren einen zu geringen Stellenwert, erfahren da kann mehr getan werden. Und ein solches Buch, genauso wie die von Peter Wohlleben, eignen sich gut dafür, mehr und deutlicher mit dieser Thematik im Gespräch zu bleiben, gerade bei der Jugend. Dafür helfen Sätze, die sinngemäß darauf hinweisen, dass alles Leben auf der Erde denselben Ursprung haben. Der Autor hat vieles aus seiner Lebenserfahrung mit hineinfließen lassen, was teilweise überfrachtet wirkt, sich aber immer wieder auch stringent durch den Text führt. Wortkreationen wie Informations-Konfetti, Pixel-Kompositionen, die Schimpfwörter des Herrn Podoll wie zum Beispiel grasköpfige Störerin, lockern die Story herrlich auf.

Der Autor ist auf Facebook vertreten, über den Roman und mehr erfährt man über http://www.green-net-roman.de

Sie nannten mich »Held« – Wie ich als Deutscher in Syrien gegen den Islamischen Staat kämpfte

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Über das Buch von Christian Haller „Sie nannten mich »Held« – Wie ich als Deutscher in Syrien gegen den Islamischen Staat kämpfte“ wurde bereits viel geschrieben, Sendungen ausgestrahlt, es wurde debattiert und diskutiert. Nun habe ich es mit etwas Abstand zur Veröffentlichung gelesen. Seitdem ist viel passiert, vor allem aber, der Krieg ist noch immer nicht vorbei. Und wie Haller in seinem Buch mit Recht feststellt, sind die Kurden ein Spielball zwischen allen Fronten, sie werden diesen Krieg nicht gewinnen. Denn Haller ist vor allem für die Kurden in einen Krieg gezogen, der nun mal nicht seiner ist. Obwohl uns Krieg alle angeht. Denn die Folgen spüren wir von Tag zu Tag mehr. Wirtschaftlich, politisch, global, die Auswirkungen kennen keine Grenzen.

Doch wie kommt ein junger Mann, ohne militärische Ausbildung dazu, sich auf den Weg zu machen, um ein Soldat zu werden? Anders als in dem Buch von Stefan Müller „Mythos Fremdenlegion“, der großes Interesse am Militär und auch an der entsprechenden Bezahlung hatte, war Haller vorher nicht bei der Bundeswehr. Auch wurde er nicht von der YPG, der Volksverteidigungseinheiten der Kurden fürstlich bezahlt, im Gegenteil, die Unterkünfte waren spärlich eingerichtet, die Versorgung ließ zu wünschen übrig. Eine Ausbildung? Nun ja. Diese war eher rudimentär. Er konnte mit einer Waffe umgehen, also wurde er entsprechend eingeteilt.

Seine Begründungen, warum er eines Tages ein an sich gutes Leben hinter sich ließ, Freundin, Haus, Job und seinen geliebten Hund, waren die Berichterstattung über die Gräueltaten des Islamischen Staates. So, aus der Sicht von vielen Naiv, wie er sich in den Krieg verabschiedet hat, so beschreibt er auch seinen Weg dorthin. Berichtet über weitere Freiwillige, die alle die Kurden unterstützen wollen in ihrem Bestreben, sie vom IS zu befreien. Der Autor sieht sich zumindest bemüht, wie er es in seinen Zeilen festhält, so gut es geht zu unterstützen und zu helfen. Er tötet den Feind „Daish“, denn dafür ist er da, um seine Kameraden und Kameradinnen zu schützen. Andere Freiwillige haben sich wohl überschätzt, sind in seinen Augen völlig fehl am Platz, nerven, stören, gefährden die Einheit und sich selbst.

Haller beschreibt die Armut, das Chaos, die Hitze, den Hunger. Er sieht es nicht nur, sondern er spürt es am eigenen Leib. Dabei kritisiert er in einem Halbsatz, dass in Deutschland Menschen von Existenzängsten sprechen. Das ist menschlich, aber, er vegisst in diesem Moment, dass es immer noch genug Protagonisten des letzten Weltkrieges gibt, die selbst geflüchtet sind, alles verloren haben, und es sehr wohl nachvollziehen können, was Haller beschreibt.

Das Machtgefühl, das einen überkommt, sobald man eine Waffe in der Hand hält, dieses „Feeling“, wie er es nennt, in ungeübte, nicht ausgebildete „Soldaten“, Haller ist davon am Anfang begeistert. Einige Seiten weiter fliegen ihm die Kugeln um die Ohren und ihm wird bewusst, dass er eigentlich gerne leben will. Muss ihm tatsächlich erst der Tod vor Augen stehen? Anscheinend schon. Nun wird der Autor des Öfteren gefrustet, weil er nicht nur Stunden, sondern Tage warten muss oder mit, laut seinem befinden, unfähigen Menschen seinen Dienst absolviert. Das schmeckt ihm nicht.

Als Mitglied in einer, wie er es nennt, Multitasking-Force, deren primäres Ziel war, die Sicherheit für eine ranghohe Persönlichkeit zu gewährleisten, wurde er nicht direkt an der Front eingesetzt, war aber im Land viel unterwegs. Dadurch lernte er viele Orte kennen, wodurch er über den Krieg und seine Schattenseiten, die tiefen Konflikte dieses Landstriches, den die Kurden im Norden Syriens bewohnen, viel begriff. Vor allem auch, dass und wie gut es ihm zu Hause in Deutschland geht.

Der innere Konflikt um den Krieg an sich, dem kann der Autor irgendwann nicht mehr ausweichen. Er war gekommen um zu helfen, den Krieg zu beenden, doch es reift in ihm die Erkenntnis, dass dieser Krieg wohl niemals endet. Ab da beginnt er innerlich eine Berechnung des Pro und Contra zum Thema bleiben oder gehen aufzustellen, dass am Ende der meisten Tage ein, wie er es nennt, Nullsummenspiel wird. Doch irgendwann kommt es zu einer negativen Bilanz. Ab da möchte er nur noch nach Hause. Dass man ihn, der sich nie beklagt hat, nicht so einfach ziehen lässt, schockiert ihn. Sein sogenannter Vorgesetzter gab ihm erst sein „Go“, als er alles hinschmeißt und in seiner Wut ohne Waffen und Ausrüstung zu seinem Basiscamp aufbricht. Ohne ein großes Wort des Dankes auszusprechen. Zumindest bekommt er Geld, um sicher nach Hause zu kommen. Und, er hat das „Abenteuer“ mit wenigen Kratzern überlebt, mehr, wie er schreibt, als so manch anderer Freiwilliger.

Auch jetzt noch eine interessante Beschreibung dessen, wie es einem als Freiwilligen ergehen kann. Für all jene, die mit dem Gedanken spielen, sich außerhalb der Bundeswehr an einem Krieg zu beteiligen und sich nicht als geeigneter Kandidat für die Fremdenlegion sehen.

Die Geschichte von Yuri Balodis und seinem Vater, der eigentlich Country-Star war

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Meine Urlaubsleseperle war dieses Jahr „von Pauls Toutonghi. Nach wenigen gelesenen Zeilen ist man mittendrin in dieser Geschichte eines Teenagers, der in Milwaukee groß wird. Wir schreiben übrigens das Jahr 1989, ein geschichtsträchtiges Jahr. Das gilt auch für Yuri, denn seine Eltern sind einst aus dem sowjetischen Lettland geflüchtet, preisen Amerika als gelobtes Land, in dem alles möglich und frei ist, im Gegensatz zur Sowjetunion. Und da verliebt sich Yuri ausgerechnet in seine Mitschülerin Hannah, einer Kommunistin, die engagiert ihren Weg geht und nicht zu beeindrucken von den echten Erlebnissen von Yuris Familie ist. Hannahs Vater, Dr. Graham, bezieht sogar Prügel von Herrn Balodis, als dieser seinen Sohn bei einer morgendlichen Demonstration erwischt. Yuri soll eine kommunistische Zeitung beim Schichtwechsel an Arbeiter verkaufen. Dr. Graham hat, nach Meinung von Herrn Balodis, schließlich nie unter dem Kommunismus leiden müssen, hat nie erfahren, dass er zum Beispiel kein Recht gehabt hätte wieder zurück nach Amerika zu gehen, sollte es ihm im sowjetischen Lettland nicht gefallen. Yuri stellt sich ähnliche Fragen, wie es ihm wohl ergangen wäre, wenn er nie die Möglichkeiten gehabt hätte, frei und offen in eine Bibliothek zu gehen und alle Bücher auszuleihen, die er lesen wollte. So sucht er Trost in perfekten, präzisen Sätzen, wenn er mal nicht weiter weiß in seinem Leben.
Die überaus liebenswerte Beziehung zwischen dem Bourbon trinkenden Vater und seinem Sohn, der mehr als vorsichtigen Mutter, die Spracheigenheiten, all das ist vom Autor sehr herzlich beschrieben. Man leidet bei jeder Zeile Schwermut und bei den kleinen und großen Katastrophen, lacht und freut sich bei positiven Ereignissen.
Und da ist natürlich die Country-Musik, die die Familie bereits in Lettland begleitet hat, der Vater singt beharrlich seine Lieder. Als die Ereignisse sich während dem Mauerfall in Deutschland überschlagen, ändert sich auch für die Familie Balodis alles. Sie erwarten Besuch aus der alten Heimat.
Toutonghi ist wichtig immer wieder zu betonen, welche Freiheiten sein junger Protagonist Yuri in Amerika erleben darf, seine Meinung frei zu äußern, Musik laut, sogar bei geöffnetem Fenster zu hören. Dessen Vater lässt er die Frage stellen, warum es Arbeitern in einem sozialistischen Staat besser gehen soll als im kapitalistischen Amerika? Yuri flüchtet in diesen Augenblicken zu seinen Büchern, die ihm seine Mutter, die in einer Bibliothek arbeitet, stapelweise mitbringt. Über allem schweben Liebesgeschichten, nicht nur zwischen Yuri und Hannah.
Witzig sind die zum Teil langen Zwischenüberschriften, die für sich schon eine Geschichte erzählen. Um mit den Worten von Yuris Vater zu enden, eine wunderbare Story, nach meiner Meinung.
Informationen über den Autor finden sich im Netz zum Beispiel unter rowohlt.de/autor/pauls-toutonghi.html

Das Rachespiel

 

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Für den Urlaub geliehen bekommen: Das Rachespiel, von Arno Strobel. Es soll ein Psychothriller sein.
Achtung Spoiler!
Ein Psychothriller deshalb, weil sich dreißig Jahre, nachdem ein Kinderfreund verschwand, jemand ein böses Spiel mit den verbliebenen Freunden erlaubt. Die Protagonisten scheinen aus dem Baukasten entnommen zu sein, in dem die üblichen Figuren aufbewahrt werden, die für eine Kinderbande nötig sind. Das burschikose Mädchen, Manuela, der zu Hause tyrannisierte Junge, Jens, der Korpulente, Torsten, und einer, der den Anführer spielt, Frank. Aber da will noch einer mitspielen. Einer, der nicht zu den Schlauen aus der Schule gehört, „ein Idiot“, genannt Festus. Während einer Mutprobe, die ihm als Aufnahmeritual verkauft wird, verschwindet er spurlos. Was war passiert?
Hauptsächlich geht es um Ängste, Schuldgefühle, Verantwortungslosigkeit. Dabei darf nicht vergessen werden, es handelt sich um Kinder, etwa 13 bis 14 Jahre alt.
Dreißig Jahre später erhält Frank, einen USB-Stick, der ihn zu einem Spiel auffordert. Spielt er nicht mit, kommt es zu Opfern. Das Erste wird von Tieren bei lebendigem Leib gefressen, denn Frank glaubt nicht an das Spiel. Seine ehemaligen Freunde melden sich nach und nach bei ihm, auch sie erhielten den Stick, glaubten nicht daran, dass es Ernst war. Doch ein Video beweist das Gegenteil. Nun werden sie aufgefordert, sich am Eingang eines ehemaligen Atombunkers zu treffen. Und der ist real (ausweichsitz-nrw.de/). Die ehemaligen Freunde kommen erst gar nicht richtig dazu, sich wieder neu kennenzulernen, da werden ihnen schon die Spielregeln erläutert. Ihnen wird klar, es kommen nicht alle lebend aus dem Bunker, und ihre Familien sollen auch dran glauben. Das Licht wird knapp, es ist kalt, Handys funktionieren nicht, das gegenseitige Misstrauen ist groß. Eines ist jedoch klar: es geht um Festus, der Junge, der damals verschwand. Und von dem sie glauben, er ist tot. Doch wer will sich jetzt rächen? Die Spielregeln ändern sich laufend, es wird ihnen nicht klar, obwohl es im Laufe dieser Nacht immer offensichtlicher wird, keiner soll überleben. Aber um ihre Familien zu retten, tun sie fast alles. Und überall laufen Ratten umher. Warum sie nicht Jens, der schwer verletzt ist und viel Blut verloren hat, genauso überfallen und beißen, wie sie es bei den unverletzten Freunden tun, bleibt ein Rätsel. Genauso wie die Gefühlsschwankungen bei Torsten. Er führt sich äußerst aggressiv auf, weil er nun mal hier ist und das Spiel wegen seiner Tochter gewinnen will, dann wieder zartfühlend gegenüber Manu. Und auch über das erste Opfer darf nach Ende des Thrillers weiter gerätselt werden, wie und warum es zu diesem kommt, wer er ist, es bleibt geheim.

Dass der Täter aus dem engeren Kreis vermutet wird, liegt am Schreibstil, weitere Personen sind nicht beschrieben, auch bei den Rückblenden nicht. Nur Familienmitglieder und die Freunde. Trotzdem taucht fast zum Schluss ein völlig unbekannter Mann auf, ein Helfershelfer, der auch gleich sein Leben lassen muss, denn er hat seine Schuldigkeit getan. Und dann folgen die Erklärungen zur Lösung. Zwar völlig logisch, aber für den Aufbau des Thrillers viel zu spät eingeführt, es wirkt konstruiert. Zum guten Schluss kann sich Jens, obwohl durch eine schwere Verletzung gehandikapt, aus einer vertrackten Situation befreien. Schmächtig wie er ist, einen fast doppelt so schweren, großen, toten Mann seiner Waffe berauben, die unter ihm fest geklemmt schien, nach draußen laufen, den Täter erschießen und Frank aus einer Grube retten. Und das trotz großem Blutverlust und zeitweise kaum noch fühlbarem Puls. Meine Hochachtung. Da kann die Verletzung ja gar nicht so schlimm gewesen sein?

Der Machtkampf

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Dieses Mal ein Buch eines Journalisten in die Hand genommen: Der Machtkampf – Seehofer und die Zukunft der CSU

Der Journalist Peter Müller begleitet die Partei CSU nicht nur in Bayern sondern auch in Berlin seit Jahren, auch auf Auslandsreisen. Dadurch hat er einen tiefen Einblick in die Machtkämpfe, Ränkespiele, marketingoptimierte Reden, Sitzungen und Wahlkampfstrategien. Rückblicke an die Anfänge der CSU mit dem sogenannten Übervater Strauss gehören hier selbstverständlich dazu. Nach Themen sortiert schaut Müller immer wieder zu bestimmten Zeitpunkten zurück, lässt Seehofer, Stoiber, Beckstein, Aigner, Söder und viele andere Parteigrößen zu Wort kommen beziehungsweise beschreibt deren Verhalten, Äußerungen und Strategien. Neben Seehofer zu bestehen in einer Partei, dessen Wichtigkeit auf Bundesebene immer nur nach dem höchstmöglichen Wahlergebnis, nämlich der absoluten Mehrheit, abhängt, das ist alles, was zu zählen scheint. Dabei hat jedes Mitglied seine eigene Strategie. Der Autor sieht in den Machtkämpfen zwischen Söder und Seehofer nicht nur den Generationenwechsel sondern auch die Verluste oder auch das Fehlen anderer guter möglicher Parteiführer.
Die ewigen punktgenau gesetzten Querelen zwischen Merkel und Seehofer, die einzig dazu dienen, der CSU Wählerstimmen zu retten, zieht sich durch das gesamte Werk von Müller. Die Hardliner der Wähler zu bedienen, die Stammtischparteigänger mit einfachen logischen Sätzen zur Wahlurne zu bewegen, das klingt so einfach, aber ist es das auch? Bleibt das tatsächlich so? Einfach tief rechts, gerade noch so vor den noch rechter ausgelegten Parteien zu agieren? Glaubt das denn noch jemand in der jungen Generation, die sich ihr Wissen aus dem Netz holt und nicht in den für Wahlkämpfe nach Festen stehen gebliebenen Bierzelten? Dass sich da etwas ändern muss, hat auch schon die CSU bemerkt, nachdem ihnen andere Parteien vorgemacht haben, wie das geht. Nicht umsonst waren, wie Müller beschreibt, die für die Wahlkampfstrategien vorgesehenen Parteimitglieder in Amerika und haben sich bei Demokraten wie Republikanern genau angesehen, wie das funktioniert. Und dass ein hauptsächlich auf Twitter-Nachrichten versessener Mensch sehr wohl Präsident eines der mächtigsten Länder der Welt werden kann.
Dass man aber nicht ohne die CDU seine Machtansprüche in Deutschland durchsetzen kann, wurmt den Ministerpräsidenten. Ohne entsprechendes Personal allerdings auch nicht. Schnell wird man da vom starken Koalitionspartner bei wichtigen Posten ausgebootet. Wie wichtig das bei europäischen und auch weltpolitischen Themen ist, lässt sich bei der gesamten letzten Wahlperiode verfolgen. Müller zeigt genau auf, wo Seehofer mit seiner Partei so gut wie kein Mitspracherecht hat. Auf internationalem Boden sieht sein Personal so schnell kein Land in Sicht, weder bei der Eurorettung, außer natürlich wahlkampfmäßges Gepolter aus Bayern, noch bei Kriegen und Krisen. Gerade nach zu Guttenberg war die Tür ziemlich zu. Da waren selbst die Reise nach Moskau während der Flüchtlingskrise und die Einladung von Viktor Orbán grenzwertig zu sehen. Müller vermutet, dass es nun, kurz vor der nächsten Bundestagswahl, die bis zur Drucklegung des Buches immer noch von einer weiteren Kanzlerkandidatur von Frau Merkel ausgegangen ist (was auch weiterhin bestand hat), keine größere Attacke von Seiten Seehofers mehr kommen wird. Schließlich will man wieder mitregieren.
Teilweise wirkt es Gebetsmühlenartig, wenn Müller immer wieder auf die selben Situationen oder Begebenheiten zurückkommt, zwar jedes Mal auf einen anderen Punkt zu sprechen kommt, aber man hofft, irgendwann ist es doch gut. Trotzdem sind die Machtspielereien zwischen den Parteimitgliedern interessant beschrieben, vor allem für die Wähler, wie er oder sie gesehen wird. Ob auch das zur Entscheidungsfindung beiträgt, wo sie als nächstes ihr Kreuzchen malen werden?
Am besten haben mir noch die verklausulierten Sätze eines CSU-Bundestagsabgeordneten zum Thema Landesgruppenausflüge gefallen, die ja schließlich von den bayerischen Steuerzahlern bezahlt werden: es wären ja keine Lustreisen, das würde man daran erkennen, dass seine Frau jedes Mal dabei wäre. Ein Name wurde nicht genannt, aber dennoch: Lust verspürt man(n) also keine mehr, wenn die eigene Frau (auf eigene Rechnung natürlich) mitfährt. Irgendwie traurig.

 

https://www.randomhouse.de/Buch/Der-Machtkampf/Peter-Mueller/DVA-Sachbuch/e394000.rhd

Der letzte Überlebende

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Erinnerungen an den Holocaust, eine Biografie von Samuel Pivnik „Der letzte Überlebende“. Aus dem Englischen von Ulrike Strerath-Bolz. Eine, nicht nur für die sensible Leserschaft, zum Teil sehr tiefgehende, ergreifende, die brutale Sprache des Krieges nutzende Studie eines Lebens, das vom Zweiten Weltkrieg über alle Maßen geprägt wurde. Dank des Ghostwriters Mei Trow und der vorgenannten Übersetzerin fließt man regelrecht in diese Zeit hinein, ist man ganz bei dem Jungen, der so gerne mit seinen Kameraden mit einem Lumpen Fußball spielt, integriert in seiner Familie, ihm die Sommerfrische bei den Verwandten unglaublich viel bedeutet.
Trauma ist ein schlimmes Wort. Es bedeutet, dass jemand etwas erlebt haben muss, dass einen so gravierenden Einschnitt in sein Leben hat, das, auch mit Therapie, dieses grundsätzlich beeinflusst. Zum Beispiel nach einem Raubüberfall, Missbrauch, einer Gewalttat. Um wie viel stärker aber ist es, wenn ein Mensch mehrfach traumatisiert wird, er aus der Gewaltspirale gar nicht mehr herauskommt? Noch dazu niemand darüber sprechen will beziehungsweise kann? Weil einem schlicht die Worte dazu fehlen? Kriege bedeuten einen unermesslichen Eingriff in Millionen von Menschen. Ist der Krieg erst vorbei heißt es meist, nun schauen wir vorwärts, rührt nicht in den alten Geschichten. Doch das ist falsch. Die sogenannten Kinder und Enkel traumatisierter Eltern und Großeltern des Zweiten Weltkrieges leiden noch heute unter diesen nicht bewältigten Kriegserlebnissen. Die Vorstellung aber, wie es ist, als Kind in diesen Strudel zu geraten, erst Jahre später mitzubekommen, dass es da tatsächlich einen Menschen gab, der die vollkommene Vernichtung einer Glaubensgemeinschaft anstrebte, es übersteigt jegliche Vorstellungskraft.
Ein weiteres Buch zu diesem Thema hat einer der letzten Zeugen des zweiten Weltkrieges, Samuel Pivnik, mithilfe seines Ghostwriters Mei Trow geschrieben. In „Pivnik – Der letzte Überlebende“ beschreibt der Autor seine vielfachen Traumata, die ein einzelner Mensch selten in dieser Vielzahl überhaupt überleben kann. Begleitet wurde das Buch in seiner Entstehung durch Historiker, Fotos und Skizzen, recherchierten Zeugenaussagen und Interviews mit Pivnik, die im Zeitraum von 2007 bis 2011 durchgeführt wurden. Querverweise zu Büchern anderer Überlebender, Historiker und anderen Autoren sowie aufbewahrten Belegen finden sich am Ende des Buches.
In seiner Biografie beschreibt der Autor vom Leben der Familie, die im oberschlesischen Bedzin ein gutes Zuhause gefunden haben. Aus der Sicht des 13-Jährigen, der von einem Tag zum anderen aus einem gerne Fußball spielenden, mit liebender Mutter, strengem Vater und vielen Geschwistern aufwachsenden Jungen, ein die Welt nicht mehr verstehender wird. Angst, Verzweiflung, Hunger, Hoffnung, Mahnung, Gewalt, Selektion, Trennung, Mord, das sind nun die Worte, die von nun an sein Leben prägen werden.
Mit dem Einmarsch der Deutschen in sein Dorf an seinem 13. Geburtstag endet sein bis dahin geregeltes Leben. Innerhalb von 7 Tagen ist alle Zuversicht dahin. Die Synagoge brennt, Menschen werden erschossen, Nachbarn, Freunde, Bekannte. Und niemand greift ein, niemand beschützt sie, im Gegenteil, es wird immer schlimmer. Zunächst noch in dem Wissen, dass seine Arbeitskraft und die der meisten seiner Familie sie vor dem schlimmsten bewahrt, kommt der Tag, an dem sie ihre Wohnung verlieren, in ein Ghetto ziehen müssen. Die Großmutter verlieren. Sich auf einem Dachboden verstecken. Irgendwann doch in einen Zug steigen. In Auschwitz-Birkenau landen. Er von seiner Mutter auf die andere Seite geschubst wird, damit zumindest er überlebt.
Die Schilderungen von Pivnik rauben einem den Atem. Er hat Mengele überlebt. Arbeitseinsätze, Erkrankungen, Mangelernährung und Selektionen, die nicht enden wollen. Irgendwann wird er in ein anderes Lager verbracht, bekommt dort eine zusätzliche Ausbildung. Nun kann er unter anderem Mauern hochziehen oder auch Stollen ausbessern. Und damit ist er nun hauptsächlich beschäftigt. Das schützt nicht vor den Gewalttaten der Soldaten und Bewacher, im Gegenteil. Er wird als Werkzeug dazu benutzt, selbst Tätig zu werden.
Der sogenannte Todesmarsch bestimmt über Monate seine nächsten Schritte, untergekommen am Ende bei einem seiner Bewacher. Immer noch in der Kleidung seiner Gefangenschaft, die später niemandem aufgefallen sein will. Auf einem der Gefangenenschiffe gelandet, die später von den Engländern beschossen wird, kann er gerade so das Ufer erreichen. Der Krieg ist vorbei, doch was bedeutet es schon für ihn? Es wird geleugnet, verdrängt, er versucht sein Leben zurückzubekommen. Zum Glück findet er seinen älteren Bruder, zu Zweit versuchen sie, sich ein Leben aufzubauen. Israel zu helfen. Ein Atelier in England. Gerechtigkeit zu finden, sich als Zeugen anzubieten, um die Schuldigen verurteilen zu können. Mehrere solcher Versuche schildert der Autor. Doch was für eine Strafe ist hier noch gerecht?
Es gibt sehr viele Bücher, Filme und anderes mehr zum Holocaust. Dieses sind die Erinnerungen eines Menschen, von Samuel Pivnik, einst ein 13-jähriger Junge, der gerne Fußball spielte und das im vertrauten Umfeld, sicher vor den Gefahren der Welt.

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