Der Tiger in der Guten Stube

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Homo Hapticus

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Homo Hapticus von Martin Grunwald entführt uns in die Welt des Tastsinnessystems. Dabei geht er ganz akribisch vor, führt uns an einem Beispiel aus der Werbung an das Thema heran. Es ist noch gar nicht so lange her, da war es fast verpönt, außer der Farbe und der Eleganz eines Wagens auch noch nach der Haptik zum Beispiel der Türgriffe eines Wagens zu forschen, wie und welche dem Käufer angenehm wäre. Die Erforschung des Tastsinnes, eines der wichtigsten, wenn nicht gar das wichtigste Sinnesorgan was wir haben, ist für uns alle elementar.
So geht der Forscher Grunwald auch in seinem Buch an den Anfang der Menschwerdung, zum Fötus. Denn hier beginnt es, wie er uns erzählt, nicht mit den Augen, den Ohren, der Nase, sondern mit dem Erkunden von uns selbst und der Umgebung, hier im Mutterleib. Hier werden die Leitungen mit dem Gehirn verfeinert, was es uns ermöglicht, uns selbst, unsere Begrenzungen zum Raum zu erkennen. Und auch wie es ist, wenn wir berührt werden. Die kleinen Dellen auf der Haut, die entweder sehr angenehm sein können oder auch schmerzen. Grunwald erläutert anhand von Beispielen, wie der Fötus in den verschiedenen Stadien bis kurz vor der Geburt immer mehr, immer feiner sich selbst berührt. Und dann?
Wie unglaublich wichtig die ersten Momente, Stunden, Tage sind, wenn wir auf die Welt kommen. Was es heißt, plötzlich nicht mehr geschützt vor Licht, Geräuschen und so weiter sind, nun die Haut der Menschen, der Mutter zu spüren, Wärme und Wäsche.
Jede Veränderung wird nun ein Lernschritt, alles wird mit dem Mund, den Händen ertastet. Dabei muss der Mensch nun zum Beispiel Temperaturunterschiede kennenlernen, zwischem glatten oder rauem Stoff unterscheiden, was hart oder nachgiebig ist.
Grunwald geht dabei auch verschiedenen Krankheitsbildern nach, die Haut betreffend, die unser Tastsinnessystem gehörig durcheinanderbringen kann. Auch unsere Mundhöhle hat schier unerschöpfliche Möglichkeiten für zum Beispiel Wohlempfinden oder Ekel, angenehmes Beißgefühl in knackige Schokolade oder das Ertasten der Zunge eines cremigen Quarks.
Wie wirken sich vermehrte körperliche Berührungen in Form von Massagen, Umarmungen bei bestimmten Erkrankungen wie Demenz oder nach einem Schlaganfall aus? Wie stark hängen psychische Erkrankungen von fehlendem oder fehlgeleitetem Körpergefühl ab? Auch zu diesen Themen forscht der Autor, wie auch zu den immer stärkeren Manipulationen in Werbung und Marketing.
Die Umschlagseite demonstriert sehr gut, was es heißt, spüren zu können, auf dem Bild stupst ein Finger die Spitze eines Blattes an. Was, wenn wir nicht gelernt haben, ab wann es unangenehm wird, das Gehirn die Schmerzempfindung nicht entsprechend angezeigt bekommt? Diese Kinder haben leider keine lange Lebenserwartung und der Actionheld im Film, der keine Schmerzen spürt, ist reine Illusion.
Nebenbei bemerkt: Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich ein Buch in die Hand nehmen kann, die haptische Aufwertung auf dem Umschlag erspüre, das Gewicht, das ich über meine Hände schätze und entscheiden kann, Handtasche oder Nachttisch. Auch das Papier, seine Stärke, grob oder weich, glatt oder rau, ist etwas, was mir entgeht, wenn ich das Buch nun elektronisch lese. Diese Thematik treibt auch Grunwald um, wenn er beobachtet, dass Kinder, statt tatsächliche Gegenstände mit ihren Händen und dem Mund zu erforschen, diese am Tablet erklärt bekommen. Wichtige Impulse und Erfahrungen gehen so verloren.

Am Ende des Buches geht der Autor auf den Stand der verschiedenen Forschungsprojekte ein, die natürlich alle sehr viel Geld kosten. Und deshalb ist dieses Buch auch eine Werbung um Drittmittel und Spenden, aber sicher auch um Studierende, die in dieser spannenden Forschungsrichtung eine Möglichkeit für sich sehen. Ein sehr interessantes Buch über unser, wie ich meine, wichtigstes Sinnesorgan, gut und verständlich geschrieben mit sehr vielen Beispielen aus allen Gebieten, die diesen Sinn betrifft.
Mehr über den Autor und seine Forschung findet sich beispielsweise unter http://haptiklabor.medizin.uni-leipzig.de/labor/

Abgeschnitten

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Ein sehr rasanter Thriller mit ständigen Kehrtwendungen bieten Sebastian Fitzek und Tsokos in ihrem Buch „Abgeschnitten“. Dabei werden viele in der Gesellschaft diskutierte und sozial kritisch betrachtete Themen aufgegriffen und verarbeitet. Ob es nun um Scheidung, Schulden, Missbrauch, Integration oder Vernachlässigung geht oder aber strafbare Handlungen wie Mord, Unterlassung, Stalking und mehr. Alle diese Themen bieten eine breite Fläche für die verschiedensten Charaktere, die umeinander um Aufmerksamkeit bei den Autoren buhlen. Und das merkt man. Der brutale Einstieg im Prolog zeigt einem, das ist nichts für zarte Seelchen. Der Einstieg ins Buch offenbart Anleihen an Hitchcock. Und so geht s weiter, keine Ruhepause ist dem Leser vergönnt, es geht Schlag auf Schlag.
Das Autorenteam lässt eine junge Frau, Linda, vor ihrem Ex-Freund regelrecht fliehen, ausgerechnet auf eine Insel, die nun während eines Sturmes von der Außenwelt abgeschnitten ist. Sie wird allerdings das Gefühl nicht los, dass er ihr irgendwie auf die Spur gekommen ist.
Paul Herzfeld, bekannter Rechtsmediziner für Gewaltverbrechen, findet in einer Leiche einen Hinweis darauf, dass irgendetwas mit seiner Tochter nicht stimmt. Und er verdammt schnell herausfinden muss, um was es überhaupt geht. Als er merkt, er erreicht sie nicht, weiß er, es ist ernst. Ein Hinweis sagt ihm, dass er auf Nachricht von Erik warten soll.
Bei einem weiteren Erzählstrang werden wir damit konfrontiert, wie eine junge Frau um ihr Leben kämpfen muss. Gefangen in einem Raum, gefesselt, von einer Kamera verfolgt. Immer wieder bekommen wir Hinweise auf die Entführte.
Linda findet am Strand eine Leiche. Sie bekommt sie mithilfe der wenigen, die noch auf der Insel sind, ins Krankenhaus. Der letzte verbliebene dort kennt den Rechtsmediziner, mit dem er nun Kontakt aufnimmt. Es ist Herzfeld, und auf der Leiche ist ein Name festgehalten. Erik.
Herzfeld versucht nun telefonisch Linda dazu zu überreden die an Land gespülte Leiche zu obduzieren. Er vermutet in dieser weitere Hinweise zum Aufenthalt seiner Tochter. Zwischenzeitlich versucht er mit allen Mitteln auf die Insel zu gelangen, um seine Tochter zu retten. Hilfe bekommt er durch einen Praktikanten, mit dem er der Insel immer näher kommt und doch ständig davon abgehalten wird.
Wie er nun versucht, Linda Schritt für Schritt in die Geheimnisse der Obduktion einzuführen, das ist gruselig, vor allem, wenn wir uns einmal vor Augen führen, welche Düfte uns bei dieser Tätigkeit entgegenkommen.
Der Praktikant: Sohn eines einflussreichen Mannes, Herzfeld: geschieden, die Tochter: entführt, eine durch einen Stalker bedrohte junge Frau; das sind nur einige wenige der hier spielenden Figuren. Ist es ein Wunder, dass keines der Themen auch nur ansatzweise tiefer durchleuchtet werden? Wer einen packenden mit vielen Winkelzügen gespickten Krimi lesen will, der ist hier richtig. Für mich sind hier definitiv zu viele Interessenlagen durchmischt worden, es wirkt dadurch oberflächlich und steril. Außerdem will es an einem Tag einfach nicht dunkel werden, obwohl es eiskalt ist und das Jahr bereits weit fortgeschritten …

Adele Spitzeder der größte banbkbetrug aller zeiten

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Ein Schneeballsystem im 19. Jahrhundert hat es dem Autor Julian Nebel angetan, das er hier mit allem ihm zur Verfügung stehenden Materialien nachzeichnet. Die Rede ist von Adele Spitzeder, die mit ihrem Treiben über 30.000 Menschen aus München und Umgebung in den Ruin und sogar in den Selbstmord trieb. Nebel geht dabei sehr akribisch vor und scheut sich nicht, so manchen Sachverhalt von verschiedenen Seiten aufzurollen und dadurch mehrfach zu erwähnen. Ob es nun die familiären Umstände, Freundeskreise, Liebschaften, Berufskolleginnen und Kollegen sind, nichts bleibt unerwähnt. Bestückt sind die Kapitel auch mit Fotos, Zeitungsausschnitten, Aushängen und vielem mehr. Die geschichtlichen Zusammenhänge seit der Geburt der kleinen Adele, ihrer Eltern und Geschwister, alles findet seinen Platz, selbst die Haustiere finden ihre Erwähnung.
Das System der Adele Spitzeder war auch 1869, als sie ihre Privatbank eröffnete, sicher nicht neu; seit es den Zins gibt und die Gier der Menschen, wird dieses ausgenutzt. Ihre Karriere als Bühnendarstellerin ging dem Ende zu, als sie eher durch Zufall, wie es klingt, herausfand, dass sie bei den wenig begüterten Menschen durch ihr Auftreten sehr viel Vertrauen erweckte. Ob es nun Zimmermädchen, Gesellen, die Bauersfrau oder die Magd war, sie alle wollten ihre Notgroschen, wie die „Reichen“, ein wenig mehren. Unbedarft gaben sie es her, auch wenn es keine Begründungen dafür gab, wie sich denn ihr Geld vermehrte, woher denn die erwirtschafteten Zinsen stammen würden. Und da Adele Spitzeder am Anfang gewissenhaft die hohen Zinsen zahlen konnte, sprach es sich herum und die Menschen kamen in Strömen.
Was war der Grund, dass viele den Banken nicht trauten? Sparkassen und andere Bankhäuser verloren ihre Kunden und deren Gelder, aber ob und wie sie vielleicht gegensteuerten, um diese wiederzugewinnen, wird nicht erläutert. Dass sie gegen Spitzeder mit aller Macht ankämpften sehr wohl. Sie und vor allem die „Münchner Neuesten Nachrichten“, eine wichtige Zeitung dieser Zeit, führten in ihren Artikeln und Reden unerbittlich auf, dass die Leute ihr Geld verlieren würden, wenn sie es bei dieser „Bank“ anlegen würden. Auch Gerichte wurden eingeschaltet, die Buchführung nach kaufmännischem Recht eingefordert und einiges mehr. Nichts half. Die „Kunden“ von Spitzeder vermehrten sich wie von selbst, vor allem, nachdem sie Anfing, auch Kredite zu verteilen, mit einem geringeren Zinssatz, wie es die damaligen Wucherer verlangten. Und hier schaute sie genau nach Name, Rang und Kreditwürdigkeit, bevor sie das Geld anderer Leute hergab. Sie hatte keine wirkliche Bank, erst ein paar Zimmer, eine Wohnung, später ein Haus. Auch legte sie das Geld gut an: Zeitungen, Häuser, Schmuck und mehr konnte sie aufzählen. Doch verlor all das auch an Wert, als es plötzlich von einer insolventen Person stammte. Dabei tat es das nicht; es wurde im Grunde von den, wir würden heute sagen Geringverdienern, bezahlt.
Zum Schluss, als sie ahnte, dass der Zusammenbruch doch irgendwann kommen muss, wollte schließlich auch sie mit den Zinsen runtergehen, doch dazu kam es nicht mehr. Ihre Widersacher ließen sie festnehmen, sie wurde abgeurteilt, saß ihre Strafe ab.
Dass sie als Schauspielerin und Sängerin anfing, ist wichtig zu wissen, denn durch ihre vielen Maskeraden hat sie gelernt, wie man Menschen täuschen kann. Die vielen Umzüge von Berlin, München und ins nahe Ausland, wohin sie ihre Engagements führten, ihr teilweise jämmerliches Unterkommen und Auskommen waren sicherlich eine gute Vorbereitung für ihr Wirken als Bankfrau. Ob ich aber das bis ins kleinste Detail wissen muss, ist eine andere Frage. Für Interessierte an Biografien oder auch die Leserschaft, die sich fragt, wie so etwas passieren kann, ist das eine gute Studie. Noch dazu, weil es ja nach Bekanntwerden dieses großangelegten Betruges selbst heute noch passiert, dass Anleger auf dieses System hereinfallen. Die Gier hat noch lange kein Ende gefunden.
Auch Spitzeder fand noch nach ihrem Gefängnisaufenthalt Menschen, die ihr wieder und wieder ihr Geld anvertrauten, trotz den deutlichen Warnungen, dass es keine Rückgabegarantie geben wird.
Nebel erklärt am Ende auch die Unterschiede zwischen verschiedenen Betrugsarten, wie sie Spitzeder begangen hat, führt Namen und deren Wirken auf.
Was mir hier fehlt, ist eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Thema Frau und Betrug versus Mann der damaligen Zeit. Außerdem ist es anhand der Ausführungen offensichtlich, dass Spitzeder homosexuell war. Da gab es doch sicher noch mehr außer den Andeutungen in den Zeitungen und beim Prozess.

Englischer Harem

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KUKOLKA

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Millionen von Babys, Kindern, Jugendliche und junge Erwachsene werden jeden Tag durch ihre Erziehungsberechtigte misshandelt. Weitere Millionen erleben Tag für Tag durch Krieg, Hunger, Missbrauch und vieles mehr unvorstellbare Gräueltaten. Dadurch wachsen permanent Generationen auf, für die Empathie ein Fremdwort ist. Die nichts anderes kennen als Flucht vor den Qualen, Totstellreflex, um sich zu schützen, oder sich eines Tages wehren. Statistiken hierzu gibt es unter anderem von unicef unter https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/presse/2017/gewalt-gegen-kinder/152258

Ein Roman über Kinder, die solches erleben, hat Lana Lux geschrieben. „Kukolka“ ist ein Mädchen in der Ukraine, das im Waisenhaus aufwächst. Wir erfahren nicht, wann das passierte, von wem sie dort hingebracht wurde oder warum beziehungsweise in welchem Alter sie dort gelandet ist. Durch ihre dunklen Locken und ihrem ebenfalls dunklen Hautton wird sie als Zigeunerin abgestempelt, ohne dass es irgendwann Erkenntnisse gibt, dass diese Behauptung stimmt. Aber so wird sie, Samira, nun behandelt, in diesem Kinderheim. Schon hier erfahren alle Kinder Misshandlungen durch die Erzieherinnen, die wohl von vielen so bestätigt werden können. Ab und an werden alle nett angezogen, denn es kommen adoptionswillige zukünftige Eltern, vor denen sie nun bestehen müssen, um vielleicht genommen zu werden. Samira verliert so ihre einzige Freundin und Fürsprecherin, Marina, die nun nach Deutschland geht.

Nach einer weiteren schweren Misshandlung packt dieses kleine Kind, kurz vor seiner Einschulung, ihre Sachen und verschwindet. Sie will nach Deutschland zu ihrer Freundin, die ihr einen Brief und mehrere Geschenke geschickt hat. Auf sie wartet ein Bett im Zimmer von Marina. Dies und ihr Name, Samira, sind die Einzigen Dinge, die diesem Kind in all den Jahren bleiben. Die Autorin schickt nun das Kind zu einem Hauptbahnhof, in dessen Umfeld sie von Rocky aufgegriffen wird. Der führt mit mehr oder weniger strenger Hand ein besetztes Haus, in dem sich Straßenkinder mit betteln über Wasser halten. Natürlich ist das nicht das einzige Haus in dieser Stadt, sie ist aufgeteilt zwischen mehreren rivalisierenden Banden. Aber das alles weiß dieses Kind nicht, das keinerlei Bildung und Wissen aufweist, dass sich alles erfragen muss. Das ist eines der starken Seiten von Lux, sich in Kukolka einzufühlen. Die Leserschaft kann erkennen, wie es ist, nichts, was für uns selbstverständlich ist, sich schwer erarbeiten zu müssen. Das kleine Püppchen „Kukolka“, wie sie von Rocky genannt wird, erlebt in diesem Haus viele Brutalitäten und muss erkennen, dass es von hier aus keinen Weg nach Deutschland geben wird.

Und dabei ist Samira immer noch ein Kind, dass auf ihren Wegen zum Betteln Familien sieht, die ihre Kinder lieben und beschützen, die die Schule besuchen dürfen. Ihr Wunsch, lesen und schreiben zu lernen ist so stark, dass ihr andere Kinder im Haus von Rocky dabei helfen. Die Schicksale dieser Seelen ergreifen einen, man weiß oftmals nicht wohin mit seinen Gefühlen. Beim Betteln lernt Samira einen jungen Mann kennen, Dima, der sich ihr vorsichtig nähert. Über Wochen hinweg, sie ist inzwischen zwölf Jahre alt und schwer in ihn verliebt, erlangt er schließlich ihr vertrauen. Man möchte so gerne zurufen: „Halt! Geh nicht mit ihm“. Denn als sie ihm folgt, an Alkohol, Zigaretten und Drogen langsam herangeführt, landet sie zwar in ihr heiß ersehntes Deutschland, aber leider an einen weiteren Abgrund, der nicht ihr letzter sein soll. Kinderprostitution der schlimmsten Art folgen nun.

Eindrucksvoll beschreibt Lux durch die Worte, die sie ihrer Protagonisten in den Mund legt, wie es fühlt, wie es ist, von zig Männern benutzt worden zu sein. Dass sich in ihrem übervollen Bauch Dinge befinden, die da nicht hineingehören. Ein Buch, dessen Geschichte so fern einer schönen Kindheit steht, bei der man nachvollziehen kann, warum Kinder aus diesen Verhältnissen nur schwer begreifen können, dass das Leben auch Gutes und Schönes, bieten kann. Ob die zurzeit grassierende Diskussion über sexuellen Missbrauch ihnen ebenfalls helfen kann, das wird sich zeigen.

http://www.aufbau-verlag.de/kukolka.html

Tränenbringer

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„Tränenbringer“ von Veit Etzold ist bereits der fünfte Band der Reihe rund um Clara Vidalis und ihrer Kollegen. In der Hauptstadt Berlin sind die Serienmörder bei Etzold inflationär zu finden, Gott sei Dank in der Realität nicht. Wer bei diesem Spiegel Bestseller-Autor reinliest, muss sich darauf gefasst machen, sich mit äußerst brutalen Beschreibungen von Gewalt zumindest lesetechnisch auseinanderzusetzen. Wer damit rechnet, dass die Missbrauchsorgien teilweise fein umschrieben, angedeutet, der eigenen Phantasie überlassen wird, der wird enttäuscht. Nackt, roh, ekelerregend, widerwärtig, abscheulich, so schreibt Etzold. Nichts ist ihm heilig, alles wird gnadenlos aufgezeigt und dargelegt. Dabei bleiben die Hinterbliebenen bei diesem Werk seltsam außen vor, sie kommen nur bedingt, an den Rand gestellt, zu Wort.

Aber worum geht es eigentlich? Ein Serienkiller macht einen bestimmten Bezirk in Berlin unsicher. Er lässt Junkies die Drecksarbeit machen, in dem er sie losschickt, ein Päckchen mit Leichenteilen bei Verwandten abzugeben. Nur einer schafft es nicht ganz, löst einen spektakulären Unfall aus und fällt ins Koma. Die Kriminale Clara Vidalis ist nicht weit vom Tatort entfernt und kann so schnell die ersten Hinweise bekommen, denn der Junkie hat das Päckchen unbeschadet bei sich. Eine wichtige Beigabe ist auch bei einem weiteren überbrachten Paket von Bedeutung, dass ein Vater der Polizei überlässt. Nun wird gerade diese Beigabe des Öfteren bei den weiteren Besprechungen im Team erläutert, doch weder beim Täter jemals genannt noch bei seinen Taten erwähnt. Eine der Schwachstellen des Buches, denn eine andere Beigabe wird sehr wohl von den Kriminalen als auch beim Täter beschrieben.

Eine weitere ist es, dass an verschiedenen Stellen bestimmte Sachverhalte auf der gleichen Seite oder auch später immer wieder wiederholt werden, ohne dass sie zur Erhellung beitragen. Es erscheint fast, als wären sie Füllmaterial, weder erhöht es die Spannung, noch muss die Leserschaft erinnert werden. Hinweise auf vorherige Bände der Reihe sind gut eingebaut oder es wird als Fußnote darauf verwiesen. Die Charaktere der Kollegen sind weder besonders auffallend noch von anderen Kriminalromanen unterscheidbar. Es ist wie beim Tatort; jede Stadt hat ihr Team.

Der Täter, ein selbst durch Missbrauch in der Kindheit vom Opfer zum Täter gewandelt, wird als typischer Serienkiller analysiert. MacDeath, dem Lebenspartner von Clara Vidalis, obliegt es, sich in die Serienkiller hineinzuversetzen, ihre Gedankengänge und -welten zu erforschen. Er hat das alles in Amerika gelernt, dem Land, in dem es viele dieser Täter gibt. Rituale sind MacDeath genauso wichtig wie seinen Tätern, und auch die geschichtlichen, religiösen und sprachlichen Zusammenhänge bei den Verbrechen sind ihm geläufig. Darüber wird ausführlich von den Protagonisten des Autors geredet. Ebenso wie über die rechtsmedizinischen Besonderheiten bei den Opfer. Wird Etzold doch perfekt mit Hinweisen und Tipps von seiner Ehefrau, einer Rechtsmedizinerin, versorgt.

Als es auch noch neben den sehr jungen Opfern eine Reihe von Morden unter Prostituierten gibt, wächst der Verdacht, es könnte sich nur um einen Täter handeln. MacDeath und Clara suchen verzweifelt nach einer Möglichkeit ihn herauszulocken und werden unvorsichtig. Ob sie dafür büßen müssen?

Weitere Informationen über den Autor, Unternehmensberater und Redner finden sich zum Beispiel unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Veit_Etzold