Sie nannten mich »Held« – Wie ich als Deutscher in Syrien gegen den Islamischen Staat kämpfte

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Über das Buch von Christian Haller „Sie nannten mich »Held« – Wie ich als Deutscher in Syrien gegen den Islamischen Staat kämpfte“ wurde bereits viel geschrieben, Sendungen ausgestrahlt, es wurde debattiert und diskutiert. Nun habe ich es mit etwas Abstand zur Veröffentlichung gelesen. Seitdem ist viel passiert, vor allem aber, der Krieg ist noch immer nicht vorbei. Und wie Haller in seinem Buch mit Recht feststellt, sind die Kurden ein Spielball zwischen allen Fronten, sie werden diesen Krieg nicht gewinnen. Denn Haller ist vor allem für die Kurden in einen Krieg gezogen, der nun mal nicht seiner ist. Obwohl uns Krieg alle angeht. Denn die Folgen spüren wir von Tag zu Tag mehr. Wirtschaftlich, politisch, global, die Auswirkungen kennen keine Grenzen.

Doch wie kommt ein junger Mann, ohne militärische Ausbildung dazu, sich auf den Weg zu machen, um ein Soldat zu werden? Anders als in dem Buch von Stefan Müller „Mythos Fremdenlegion“, der großes Interesse am Militär und auch an der entsprechenden Bezahlung hatte, war Haller vorher nicht bei der Bundeswehr. Auch wurde er nicht von der YPG, der Volksverteidigungseinheiten der Kurden fürstlich bezahlt, im Gegenteil, die Unterkünfte waren spärlich eingerichtet, die Versorgung ließ zu wünschen übrig. Eine Ausbildung? Nun ja. Diese war eher rudimentär. Er konnte mit einer Waffe umgehen, also wurde er entsprechend eingeteilt.

Seine Begründungen, warum er eines Tages ein an sich gutes Leben hinter sich ließ, Freundin, Haus, Job und seinen geliebten Hund, waren die Berichterstattung über die Gräueltaten des Islamischen Staates. So, aus der Sicht von vielen Naiv, wie er sich in den Krieg verabschiedet hat, so beschreibt er auch seinen Weg dorthin. Berichtet über weitere Freiwillige, die alle die Kurden unterstützen wollen in ihrem Bestreben, sie vom IS zu befreien. Der Autor sieht sich zumindest bemüht, wie er es in seinen Zeilen festhält, so gut es geht zu unterstützen und zu helfen. Er tötet den Feind „Daish“, denn dafür ist er da, um seine Kameraden und Kameradinnen zu schützen. Andere Freiwillige haben sich wohl überschätzt, sind in seinen Augen völlig fehl am Platz, nerven, stören, gefährden die Einheit und sich selbst.

Haller beschreibt die Armut, das Chaos, die Hitze, den Hunger. Er sieht es nicht nur, sondern er spürt es am eigenen Leib. Dabei kritisiert er in einem Halbsatz, dass in Deutschland Menschen von Existenzängsten sprechen. Das ist menschlich, aber, er vegisst in diesem Moment, dass es immer noch genug Protagonisten des letzten Weltkrieges gibt, die selbst geflüchtet sind, alles verloren haben, und es sehr wohl nachvollziehen können, was Haller beschreibt.

Das Machtgefühl, das einen überkommt, sobald man eine Waffe in der Hand hält, dieses „Feeling“, wie er es nennt, in ungeübte, nicht ausgebildete „Soldaten“, Haller ist davon am Anfang begeistert. Einige Seiten weiter fliegen ihm die Kugeln um die Ohren und ihm wird bewusst, dass er eigentlich gerne leben will. Muss ihm tatsächlich erst der Tod vor Augen stehen? Anscheinend schon. Nun wird der Autor des Öfteren gefrustet, weil er nicht nur Stunden, sondern Tage warten muss oder mit, laut seinem befinden, unfähigen Menschen seinen Dienst absolviert. Das schmeckt ihm nicht.

Als Mitglied in einer, wie er es nennt, Multitasking-Force, deren primäres Ziel war, die Sicherheit für eine ranghohe Persönlichkeit zu gewährleisten, wurde er nicht direkt an der Front eingesetzt, war aber im Land viel unterwegs. Dadurch lernte er viele Orte kennen, wodurch er über den Krieg und seine Schattenseiten, die tiefen Konflikte dieses Landstriches, den die Kurden im Norden Syriens bewohnen, viel begriff. Vor allem auch, dass und wie gut es ihm zu Hause in Deutschland geht.

Der innere Konflikt um den Krieg an sich, dem kann der Autor irgendwann nicht mehr ausweichen. Er war gekommen um zu helfen, den Krieg zu beenden, doch es reift in ihm die Erkenntnis, dass dieser Krieg wohl niemals endet. Ab da beginnt er innerlich eine Berechnung des Pro und Contra zum Thema bleiben oder gehen aufzustellen, dass am Ende der meisten Tage ein, wie er es nennt, Nullsummenspiel wird. Doch irgendwann kommt es zu einer negativen Bilanz. Ab da möchte er nur noch nach Hause. Dass man ihn, der sich nie beklagt hat, nicht so einfach ziehen lässt, schockiert ihn. Sein sogenannter Vorgesetzter gab ihm erst sein „Go“, als er alles hinschmeißt und in seiner Wut ohne Waffen und Ausrüstung zu seinem Basiscamp aufbricht. Ohne ein großes Wort des Dankes auszusprechen. Zumindest bekommt er Geld, um sicher nach Hause zu kommen. Und, er hat das „Abenteuer“ mit wenigen Kratzern überlebt, mehr, wie er schreibt, als so manch anderer Freiwilliger.

Auch jetzt noch eine interessante Beschreibung dessen, wie es einem als Freiwilligen ergehen kann. Für all jene, die mit dem Gedanken spielen, sich außerhalb der Bundeswehr an einem Krieg zu beteiligen und sich nicht als geeigneter Kandidat für die Fremdenlegion sehen.

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