Anatomie eines Soldaten

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Ein im Schreibstil außergewöhnlicher Roman ist das Buch von Harry Parker „Anatomie eines Soldaten“, übersetzt von Johannes Sabinski. Wenn Rezensionen über dieses Buch geschrieben werden, werden wir häufig die Worte „verstörend“, „intensiv“, „aufrüttelnd“ lesen. Ich selbst kann dies nur bestätigen.
45 Gegenstände erzählen aus ihrer Sicht die Geschichte des Soldaten Tom Barnes sowie der beiden jungen Freunde Faridun und Latif. 45 Gegenstände sind 45 Kapitel, bei der nicht klar wird, wo genau der Krieg stattfindet, bei dem Tom Barnes mitwirkt, das Camp des Captains steht, die beiden Freunde sich plötzlich auf verschiedenen Seiten stehend wiederfinden. Es kann in Afghanistan sein oder im Irak stattfinden, im Grunde ist das gleichgültig.
Da gibt es zum Beispiel ein Munitionsgeschoss, das davon berichtet, wie es von Tom zusammen mit anderen sortiert, geprüft und schließlich alle ins Magazin eingelegt werden, nur um dann zu warten, dass es irgendwann abgeschossen wird. In der Zeit, in der es mit dem Captain zusammen ist, kann es davon berichten, welche Gedanken Tom hegt, welche Schritte er geht, mit wem er sich unterhält. Irgendwann wird auch dieses Munitionsgeschoss letztendlich abgeschossen, und es lässt uns teilhaben, wie es ist, hinaus katapultiert zu werden, mit welcher Geschwindigkeit, welche Geräusche entstehen, die Luftverdrängung und vieles mehr.
So ergeht es uns mit allen Gegenständen. Ob es die Schilderungen der Handtasche der Mutter ist, die ihren Sohn im Krankenhaus besucht, der Teppich im Haus von Faridun, auf dem der Captain und Fariduns Vater Platz nehmen, um zu reden und Tee zu trinken oder die Bombe, die durch Latif zur Explosion gebracht wird.
Die Intensität der sprechenden, denkenden, erzählenden Gegenstände, treibt einem auf vielen Seiten die Tränen in die Augen und ich wollte an einigen Stellen am liebsten, dass das Buch ganz schnell endet, um es im nächsten Moment wieder in die Hand zu nehmen. Es ist ein Antikriegsbuch, das, so ist die Menschheit, so verstörend es sein mag, seine Wirkung nicht erreichen wird. Mitzuerleben, wie Tom seine Beine verliert, wie er Monate braucht, um wieder halbwegs selbstständig agieren zu können, das tut weh. Und wenn ein Spiegel erzählt, wie Tom sich nur ein einziges Mal seiner Funktion annimmt, ist die Einsamkeit und Verzweiflung greifbar.
Harry Parker lässt seine Gegenstände die Geschichte aus vielen verschiedenen Blickwinkeln erzählen, teilweise zeitgleich am selben Ort, von unterschiedlichen Standorten, und deren Gebrauchsarten. Auch spielt der Roman in unterschiedlich Zeitsprüngen, die aber gut zu folgen sind. Er beginnt mit dem absoluten Trauma, als Captain Tom Barnes in die Luft geschleudert wird. Ein falscher Schritt und das Leben ist nicht mehr wie es war. Und der Autor kann das was kommt nur deshalb so gut beschreiben, weil er all das selbst erlebt hat. Es ist ein autobiografischer Roman, ein Debüt, das überaus überrascht. Das findet sich zum Beispiel bei der Beschreibung einer Schönheit, nämlich einer Schneeflocke, wie sie als Tropfen dem Himmel entgegenstrebt, durch Wetterschichten dann einzigartig vom Himmel fällt und Tom beobachtet und uns von ihm berichtet. Er hat den Blick durch grausame Werkzeuge nicht für das Gute verloren.
Harry Parker lebt heute als Schriftsteller und Künstler in London. Der Roman ist bei Benevento erschienen und kostet 24 Euro bei 352 Seiten.

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