Terror in Frankreich

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Nicht mal ebenso zum schnell lesen geeignet, aber wer sich intensiv mit dem Thema Terror, Dschihad, Salafismus und so weiter beschäftigen will, kommt an folgendem Buch wohl nicht vorbei: Gilles Kepel mit Antoine Jardin – „Terror in Frankreich, der neue Dschihad in Europa“. Nachdem ich es gelesen habe, wünsche ich mir, es wäre vor dem Buch von Michel Houellebecq „Unterwerfung“ erschienen oder zumindest zeitnah. So intensiv, wie sich der Wissenschaftler und Professor am Institut dÉtudes Politiques de Paris, Kepel, mit dem Thema beschäftigt, so sehr wünscht er sich das selbst von viel mehr Kolleginnen und Kollegen in Frankreich. Leider ist das dort in den vergangenen Jahren seiner Meinung nach stark vernachlässigt worden und führte in der Folge zu vermehrt auftretenden Pseudo-Experten.

Das Buch ist in zwei großen Abschnitten unterteilt. Zuerst einmal in die Inkubationszeit (2005 – 2012), hier wird das Schlüsseljahr 2005 analysiert und das Wahlrecht der Muslime zum muslimischen Abstimmungsverhalten behandelt sowie die Affäre Merah durchleuchtet. Im zweiten Teil, die Eruption betitelt, geht es um den französischen Dschihad und den syrischen Dschihad swie um die Kehrtwende im Wahlverhalten der Muslime. Der letzte Abschnitt des zweiten Teils ist mit #CharlieCoulibaly überschrieben und geht dem Überfall auf die Redaktion von Charlie Hebdo auf den Grund.

Der Autor hat sich nicht nur die Terroranschläge der vergangenen zwei Jahre genauer angeschaut sondern sieht weit zurück in die Vergangenheit. Das hat auch etwas mit der geschichtlichen Entwicklung Frankreichs zu tun, mit ihrer kolonialen Ausbreitungen und den daraus entstandenen politischen Entscheidungen. Und da die Terroristen sowie auch kleinere und größere Parteien sich auf bedeutende Geschichtsdaten beziehen, erklärt Kepel dessen Entstehungsgeschichten. Nicht zu vergessen sind auch die Verbindungen und Geschehnisse in der restlichen Welt.

Kepel untersucht intensiv die Werdegänge der Verbrecher der jüngsten Untaten in Frankreich, zum Beispiel die Angreifer auf die Redaktionsräume von Charlie Hebdo oder dem Überfall auf einen Supermarkt mit Geiselnahme und Tötungen. Es werden auch andere jüngeren Datums erwähnt und behandelt, alle werde ich hier nicht aufführen. Wie, wo, wann, wodurch wurden die Täter radikalisiert und warum konnte es nicht verhindert werden? Es gab eine Zeitlang keinerlei Terrorangriffe an Frankreich, führende Köpfe waren zum Beispiel im Gefängnis. Aber nicht tatenlos. Die Gefängnisse werden als Brutstätte angesehen, in der sich junge Menschen von den älteren radikalisieren lassen.
Wir werden bis zu den Anfängen des Terrors zurückgeführt, lernen die ersten zwei Generationen kennen, unter der dritten leidet zurzeit die Welt. Waren es am Anfang hierarchische Strukturen, die den Kampf geführt haben, von oben herab bis zur kleinsten Zelle, so wird nun jeder der sich dazu bekennt dazu aufgefordert loszuschlagen. Aber wie funktioniert das, was sind Beweggründe für die zumeist jungen Menschen sich selbst für eine Sache zu opfern? Vor allem, da es sich meist um Nachkommen postkolonialer Immigranten handelt, die den französischen Pass inne haben.

Dafür muss man sich die Politische Entwicklung in Frankreich genauer ansehen. Der Autor erläutert uns die Zusammenhänge anhand verschiedener Wahlen beziehungsweise das Wahlverhalten verschiedener Gruppierungen. Haben sich in früheren Zeiten Muslime nicht so stark an Wahlen beteiligt, so hat sich das, vor allem seit der Wirtschaftskrise, verändert. Das gegenseitige Ausspielen von Themen der Parteien gerade vor Wahlen führte zu den bekannten Ergebnissen.

Aber das ist nicht alles. Kepel führt die vernachlässigten Randbezirke der Städte an, die nicht genug eingebunden sind, um die Arbeitsplätze zu erreichen. Wer nicht genug Geld hat, hat kein Auto, ist auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, und sind diese nicht in ausreichender Möglichkeit vorhanden, so kann sich jeder ausrechnen, was das für Konsequenzen nach sich zieht. Und das ist nicht erst in den letzten Jahren so, sondern das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt und hat sich durch die Wirtschaftskrise nur noch verstärkt. Allerdings sind es nicht nur unter schlechten Bedingungen aufgewachsene Muslime, die sich haben radikalisieren lassen sondern auch gut behütete. Kepel führt hierzu Beispiele auf.

Charismatische Köpfe haben seit der Erfindung der sozialen Netzwerke alles genutzt, um hier den Weg zum Dschihad aufzuzeigen. Mit welchen Tricks dies geschieht, erklärt der Autor, indem er die gezeigten Videos auf youtube analysiert. Sprache, Wortwahl, Hintergrundgeräusche, Bilder. Wie unglaublich oft diese Filme heruntergeladen werden, lassen erahnen, welche Möglichkeiten und Wege der Terror gefunden hat, um sich so massenhaft zu vergrößern.Komme zu uns, lass dich ausbilden, und so weiter und so fort. So kommt es, dass teilweise große Gruppen aus den Randbezirken sich aufmachen, um für den Dschihad zu kämpfen oder um zurückzukehren, um in ihren Ursprungsländern Unheil anzurichten.

Natürlich gibt es nicht nur eine Strömung des Islam in Frankreich, sondern sehr viele, auch konkurrierende Verbindungen. Und hier gelingt es durch die perfide – bist du nicht für uns, so bist du gegen uns und unser Feind – Methode die Gemeinschaft der Muslime zu verunsichern und der Versuch, Schuldgefühle zu verstärken, gelingt durch die zerstrittenen führenden Politiker, was zu tun ist, leider gut. Die Gesellschaften, Demokratien, zu entzweien, Bürgerkriege auszulösen, um dann einen islamischen Staat zu errichten, ist das Ziel des Terrors.

Ich habe nur Kepel erwähnt, doch auch Antoine Jardin hat großen Anteil an dem Buch, Kapitel 2 sowie die Seiten 199 bis 2015 von Kapitel 5. Als politischer Soziologe forscht er am Centre National de la Recherche Scientifique. Außerdem hat er bereits mehrere Bücher zu diesem Thema geschrieben, forscht er doch bereits seit mehr als 30 Jahren dazu. Weiterführende Informationen zum Beispiel unter https://de.wikipedia.org/wiki/Gilles_Kepel.

Nicht alles kann in diesem Rahmen aufgezählt und erläutert werden. Es ist eines der wichtigsten Bücher wenn nicht gar das wichtigste Buch, um ein tiefes Verständnis für die Entwicklung der Ereignisse der letzten sechzig bis siebzig Jahren in Frankreich und Weltweit zu bekommen.

http://www.kunstmann.de/titel-1-1/terror_in_frankreich-1221/

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