L E B E N S N A C H T

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Vorsicht! spoilerdurchtränkte Rezi!

„Lebensnacht“ von Will Hofmann reiht sich ein in die Bücher, die davon erzählen, dass ein Virus oder Bakterium, elektronischer oder biologischer Art, die Menschheit droht zu vernichten. Das ist bereits vielfach und sehr erfolgreich unter anderem von Stephen King (das letzte Gefecht) oder Michael Tietz (Rattentanz) umgesetzt worden. Das Buch von Will Hofmann, ist eine überarbeitete Fassung, das bereits unter dem Titel Oktan im Jahr 2012 im Wiebers Verlag erschienen ist.
In seinem Werk handelt es sich um ein mutiertes Bakterium, das die Menschen „vergrünen“ lässt. Sie beginnen plötzlich unter qualvollen Schmerzen an zu schreien, zucken kurz wie wild und zerfließen dann in eine nach Benzin stinkende grüne Soße. Übrig bleiben noch Knochen und die Kleidung, die sie gerade tragen. Wie das ausgelöst wird, dem geht der Forscher und Nobelpreisträger Professor Doktor Harry Kaufmann nach, der aus Tuberkulosebakterien gerne Benzin herstellen möchte, damit Deutschland und auch der Rest der Welt endlich unabhängig von den Erdöl exportierenden Ländern zu werden. Das gelingt ihm auch, doch bevor sich der Erfolg so richtig einstellen will, beginnt die Seuche, das „Vergrünen“. Ist etwa einer der Versuche misslungen?
Berichtet wird vor allem aus der Sicht des ehemaligen Lehrers von Harry, der gleichzeitig Nachbar, Ziehvater und Freund ist, und den Erinnerungen von Wolfgang, dem Bruder von Harry und von Beruf Arzt. Dieser trägt  mit vielen Erzählungen zum Bericht des Lehrers bei, denn die beiden Brüder versuchen gemeinsam der Seuche auf den Grund zu gehen und ein Gegenmittel zu finden.
Die Kapitel sind teilweise sehr kurz, keine zwei, drei Seiten lang. Dabei will der Funke nicht zünden, um sich wirklich in die Geschichte hinein zu vertiefen, zu versinken. Das liegt an der zum Teil sehr sachlichen, kühlen Schreibweise und auch daran, dass Seitenlang über die psychische Verfassung des Professors berichtet wird. Warum er keine Beziehung führen kann und sogar das Masturbieren aufgegeben hat, ebenso wie die Tatsache, dass er ein eher unausgeglichener, aggressiver Chef ist. Sympathisch wird einem dieser Protagonist nicht gerade.
Unglaubwürdig sind einige Passagen, wie zum Beispiel, dass der Produktionsleiter eines Pharmakonzerns sich vom Chefpharmakologen erklären lassen muss, was ein Placebo ist. Oder, dass der Nobelpreisträger für Chemie und weltweit anerkannte Koryphäe Harry nicht weiß, dass bei Stress gewisse Hormone wie das Adrenalin ausgeschüttet werden. Dann hat Harry endlich eine Freundin, Sabine, die selbstbewusst auftritt und einen unabhängigen Lebensstil bevorzugt, das allerdings behagt ihm ganz und gar nicht. Eines Tages haben sie Streit, er verlässt sie und Sabine gibt sich ihren Erinnerungen hin. Unter anderem ist sie ohne Vater aufgewachsen, bei einer ebenfalls sehr eigenständigen Mutter. Ihren Vater kennt sie nicht und sie vermisst ihn nicht, denn, oha, all ihre Freundinnen erzählen nur, wie übel ihre Väter sie behandeln würden. Alle? Nie etwas Gutes? Unglaubwürdig!
Während der Seuche sterben sehr viele Menschen, Millionen in Deutschland, noch mehr auf der ganzen Welt. Die Erdölreichen Länder haben ihren Export eingestellt, es gibt kaum noch Benzin, Industrien liegen brach, aber von Revolution ist nicht viel zu lesen, selbst die Regierung ist nach mehreren Jahren immer noch an der Macht. Einzig die Jugend kommt auf dumme Ideen, wie zum Beispiel Menschen dazu zu bringen, dass sie „vergrünen“, um dann ihre Leichen anzuzünden. Warum Kinder und Jugendliche nicht der Seuche zum Opfer fallen bleibt im Dunkel, auch ab welchem Alter man sich vorsehen muss. Als die 40-Millionen-Grenze an Opfern überschritten ist, wollen jungen Menschen ein Fest feiern. Doch ob es sich um die Zahl der Opfer in Deutschland oder Europa handelt oder welche Länder diese Zahl umfasst, ist vom Autor nicht deutlich beschrieben worden. Wenn es sich nur um Deutschland handeln würde, dann sähe die Panik ganz anders aus. Wir müssen uns nur einmal daran erinnern, wie sehr die Menschen hierzulande Impfstoffen hinterherlaufen, sobald eine ungewöhnliche Infektion ausbricht.
Das Glossar am Ende befreit so manchen Leser vor der Internetrecherche der vielen medizinischen Fachausdrücke und erklärt nochmal deutlich, welche der Phantasie des Autors entsprungen sind. Der Umschlag und die Seitengestaltung sind geglückt, viel Weiß, haptisch gestalteter Titel, in Schwarz gehaltener Buchschnitt, die Innenumschlagsseiten und jeweils ersten beiden beziehungsweise letzten beiden Seiten in tiefem Grün gehalten, dem „vergrünen“ nachempfunden. Allerdings verrät der Titel nicht im Mindesten, was den Leser erwartet und der Klappentext verspricht mehr als das Buch hält. Als Trashfilm kann ich ihn mir hervorragend vorstellen, vielleicht findet sich ja ein Regisseur dafür. Als Roman zu dünn, mit für mich zu vielen unglaubwürdigen Passagen.

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