DER HERAUSGEBER

Rudolf Augstein, Jahrzehntelang Herausgeber der Wochenzeitschrift „Der Spiegel“, ist sicherlich schwer allumfassend zu beschreiben. Irma Nelles versucht sich darin in ihren „Erinnerungen an Rudolf Augstein“, die sie in ihrem Buch „Der Herausgeber“ zusammengefasst hat. Wie empfindet man es, wenn ein, für eine junge Frau bedeutender Mann und Journalist, ihr auf ihren ersten beruflichen Schritten begegnet, von dem sie schon als kleines Kind gehört hatte. Nelles beschreibt ihre ersten Erinnerungen mit dem „Spiegel“, wie ihr Vater ihn ab und an gekauft hatte und sie, ganz enttäuscht, es waren wenige Geschichten über Mode, schöne Frauen und Schminke darin enthalten, nicht so erpicht war, darin zu lesen. Und in der Schulzeit, als bekannt wurde, dass Augstein verhaftet und die Presse- und Meinungsfreiheit in Gefahr war, ein wichtiges Thema auch zu Hause war. Von nun an war er vom Vater abonniert, schreibt sie. Dass sie über die ersten Seiten so ausführlich über die ersten Berührungspunkte mit der Zeitschrift beginnt, wirkt wie eine Zeitreise, man kann sich zurückversetzen, sich erinnern, wie und wo es bei einem selbst war. Augstein im Gefängnis, was waren das für Zeiten. Nelles erzählt am Anfang auch ein wenig über sich selbst, damit wir sie ein wenig kennenlernen können. Schließlich war es eine Zeit, in der der Ehemann noch mitbestimmte, ob und wann eine Frau arbeiten gehen konnte oder ein eigenes Konto führen, in unserer Zeit unvorstellbar. Und nach einer kurzen Ehe, aus der auch Kinder entstanden sind, merkt sie, das kann nicht alles gewesen sein. Sie will studieren, einem Job nachgehen. In dieser Zeit stößt sie auf eine Annonce, bei der eine Nachwuchssekretärin beim „Spiegel“ gesucht wird. Ohne zu zögern meldet sie sich, stellt sich vor und bekommt den Job. Die Autorin wird selbstbewusst, trennt sich von ihrem Mann in einer Phase, in der bereits ein neues Scheidungsrecht auf den Weg gebracht wird. Gelebte Geschichte.
Am Anfang ihrer Zeit beim „Spiegel“ bekommt sie von Rudolf Augstein nicht viel mit, es ist interessant, was sie über die Redaktionsarbeiten zu erzählen hat, welcher Umgangston herrschte, das ganze Drumherum. Wie die Atmosphäre sich geändert hätte, sobald sich der Herausgeber ankündigte, er komme in die Bonner Zentrale. Nelles erste Begegnung mit dem Herausgeber ist eher peinlich für sie, aber auch das übersteht sie. Wir erleben die ganzen politischen Skandale noch einmal mit, diesmal aus der Perspektive der Redaktion, die in der Folgezeit von Bundeskanzler Willy Brandt und seinem Spion so geschahen. Sie erlebt Augstein als FDP-Delegierten, als Menschen, der manchmal ein Bier nicht ablehnen konnte, wo die Kellner bereits das erste Glas am zapfen waren, wenn er in der Tür stand. Aber auch als nur Wasser Trinkenden, alles andere ablehnend. Nelles wird zufällig für Auslandsreisen mit dem Herausgeber bestimmt, lernt ihn so näher kennen. Wird sogar von guten Freunden Augsteins angehalten, doch noch mehr auf ihn zu achten, auf ihn einzuwirken. Denn sein Wesen ist unstet, mal zieht er sich zurück, will niemanden sehen, mal ist er zornig, wütend, aufbrausend, im Schreiben penibel und eifrig. Beeindruckend ist für die Autorin, was sie immer wieder erwähnt, die enorme Gedächtnisleistung Augsteins; wie er sich an noch so weit zurückliegende aufnotierte oder in einem Werk geschriebene Fußnote erinnern konnte. Nelles hingegen erinnert sich an manche Begebenheiten, lernt in Augsteins Beisein so manche Persönlichkeit kennen. Sie erzählt von den Artikeln über den Politiker Kohl, über den Euro, kritische Berichte über religiöse Fanatiker und man merkt, wie vorausschauend dieser Mensch Augstein im Rückblick gewesen sein muss. Es lockt, sich die alten Artikel herauszusuchen und wieder zu lesen, um zu sehen, was alles tatsächlich eingetreten ist, vor dem Augstein gewarnt hat, dass es so kommen würde.
Ein wenig erinnert es an ein Tagebuch, allerdings mit großen Lücken und Sprüngen darin. Ich stelle mir vor, wie schwierig die Auswahl gewesen sein muss, welche von ihren Erinnerungen in das Buch Einzug halten soll. Der Schreibstil bleibt sich von der ersten bis zur letzten Zeile treu, kein literarisch bedeutendes Werk, aber eine interessante Sichtweise auf den Herausgeber Augstein, den ich nicht missen möchte.

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