Der Tod so kalt

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Was für ein Einstieg in einen Thriller! Der Rückentitel lautet wie folgt: Drei grausame Morde in der kargen Bergwelt von Südtirol. Ein Dorf, das dreißig Jahre lang schweigt. Ein Fremder, der besessen davon ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Der Krimi von Luca D’Andrea „Der Tod so kalt“ ist in Italien sofort in den Bestsellerlisten gelandet, Übersetzungsrechte wurden bisher in mehr als 30 Länder verkauft. Es ist der erste Roman des Autors, der damit direkt einen Hit gelandet hat, und das zurecht. Dabei ist seine Hauptfigur, der Drehbuchautor Jeremiah Salinger, nun wahrlich nicht immer sympathisch. Das liegt an der Hartnäckigkeit, mit der Salinger seinen Themen nachgeht, ob es nun beim Filmen mit seinem besten Freund Mike ist, oder Geheimnissen auf der Spur ist. Immer verlangt er von sich und seinen Freunden wie vermeintlichen Feinden alles ab.
Um was geht es? Jeremiah Salinger lebt in Amerika, hat eine deutsche Mutter, verliebt sich in eine Südtirolerin und macht mit seinem besten Freund Mike äußerst erfolgreich Filme über die Road Crew einer Rockband. Zwischen den abgedrehten Folgen seiner Filme heiraten er und seine Frau aus den Bergen, Anneliese, und bekommen eine Tochter, Clara. Irgendwann ziehen sie in das kleine Heimatdorf seiner Frau, wobei Salinger, so will er genannt werden, auf die Idee kommt, über Bergretter ebenfalls einen Film zu drehen. Dabei passiert ein Unglück, Salinger wird schwer traumatisiert. Seine Familie und sein Freund versuchen alles, damit er auf andere Gedanken kommt. Dabei kommt er mit einer alten Geschichte in Berührung, bei der auch sein Schwiegervater eine große Rolle spielt. Vor fast 30 Jahren kamen während eines schweren Gewitters drei junge Leute in einer unzugänglichen Schlucht ums Leben. Sein Schwiegervater war einer von vier Bergrettern, der die Toten fand. Die zwei Männer und die Frau wurden bestialisch umgebracht. Salinger will nun herausfinden, was da passiert ist. Aber er hat seiner Frau versprochen, ein Jahr zu pausieren, um wieder zu Kräften zu kommen und sein Trauma zu verarbeiten. Die Geschichte aber ist so interessant, dass Salinger nicht loslassen kann, er jeder vermeintlichen Spur nachgeht. So gut wie jedem in dem kleinen Dorf tritt er dabei auf die Füße. Ob das eine ehemalige Freundin eines der Bergretter ist, die die Toten gefunden hatten, oder dem großen Investor der Touristenattraktion im Ort, selbst in der Dorfkneipe ist er schon bald nicht mehr gerne gesehen. Und Anneliese droht damit, ihn zu verlassen, wenn er nicht endlich die Finger von der Geschichte lässt. Doch ohne jeden Zweifel kommt er der Lösung näher, auch wenn es ihn seine Gesundheit, seine Ehe, ja sein Leben kosten soll. Dabei fährt er so manches Geschütz auf, wird aufdringlich und unangenehm, sodass man ihn am liebsten selbst links und rechts ein paar runterhauen möchte. Mindestens aber schütteln und ihm sagen, dass er doch nicht so mit den Menschen umgehen darf, die ihn da bereitwillig als Schwiegersohn eines der wichtigsten Menschen vor Ort aufgenommen haben. Annelieses Vater hat nämlich die Bergrettung im Ort mit aufgebaut. So ist er überhaupt erst auf die Idee gekommen, einen Film über sie zu drehen. Selbst als die Sprache auf ein längst vergessenes Urzeitmonster kommt, wagt man nicht zu widersprechen, ist doch die Theorie gar nicht so abwegig hergeleitet.
Eine super spannende Geschichte, die alle paar Seiten eine neue Drehung erfährt und man bis zum Schluss zwar immer jemanden in Verdacht haben kann, doch jedes mal eines Besseren belehrt wird. Es gibt nur winzige Schwächen in der Dramaturgie, die mich eher schmunzeln lassen, mir aber den Lesespaß nicht im Geringsten verderben.

https://www.randomhouse.de/Paperback/Der-Tod-so-kalt/Luca-DAndrea/DVA-Belletristik/e513039.rhd

Kalte Erinnerung

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Klappentext:

Nur wenn sie sich erinnert, wird sie überleben.

Ein eisiger Wintermorgen: Zoe schreckt aus einem Albtraum auf, am ganzen Körper mit Verletzungen übersät und ohne Erinnerung an die vergangenen beiden Tage. Ihr Mann David ist spurlos verschwunden. Kurz darauf wird sie von einer verzerrten Stimme am Telefon bedroht, die die Wahrheit über gestern Nacht wissen will. Geschockt legt Zoe auf – doch der unheimlichen Forderung des Anrufers kann sie nicht entkommen. Und die Wirklichkeit ist grausamer, als sie sich jemals hätte vorstellen können 

Kurzbiografie:

Patricia Walter, geboren 1974, studierte in München Statistik und arbeitet in der Versicherungsbranche. In ihrer Freizeit betreibt sie neben dem Schreiben Kampfsport, insbesondere Judo und Kung Fu. In Judo hat sie den zweiten Schwarzgurt und ist ehrenamtlich als Trainerin tätig. „Kalte Erinnerung“ ist ihr erster Roman. Das Taschenbuch ist exklusiv bei Weltbild, das eBook überall erhältlich.

http://www.patricia-walter.de/

Falsche Opfer

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Kurzrezi über Bomben, Liebe, Missbrauch, Fußballfans und ein wiedervereintes A-Team.
Das Buch von Arne Dahl „Falsche Opfer“ ist nun auch schon siebzehn Jahre alt, doch erst jetzt habe ich es mir ausgeliehen. Um die Jahrtausendwende waren internetfähige Handys noch nicht so oft zu haben, zumindest waren sie sehr teuer. Es ist witzig darüber nachzulesen, wie diese technische Weiterentwicklung der Mobile Phones einem Kriminalroman eine ganz neue Dimension schenkt.
Da habe ich mich beim Krimi von Ulrich Ritzel „Forellenquintett“ darüber mokiert, dass man zu viel von den vorhergehenden Teilen einer Serie wissen muss, um wirklich mitzukommen. Das ist hier bei Arne Dahl ganz anders und für mich wichtig, da ich die ersten beiden Bände dieser Reihe nicht gelesen habe. Immer wieder wird über kurze Rückblenden genauestens erläutert, wie der Stand des sogenannten A-Teams um seine Hauptermittler Paul Hjelm und Kerstin Holm nun ist. Wer mit wem gut arbeiten kann, wer wann wo strafversetzt wurde und nun wieder zusammenarbeitet. Selbst einer der bereits im Ruhestand befindlichen Kommissare muss zurückkehren, um die nun wieder zusammengeführte Truppe zu unterstützen.
Aber was ist nun in dem virtuos spannenden Krimi passiert? Viele Erzählstränge müssen zusammengeführt werden, das steht fest. Da wird ein Knastinsasse in die Luft gesprengt, aber derart präzise, dass ausschließlich dessen Zelle zerfetzt wird. Bei einer Kneipenschlägerei zwischen Fußballfans stirbt einer der Beteiligten und alle wollen nur noch raus. Doch was ist da tatsächlich passiert? Gibt es eine Verbindung zwischen den Vorfällen? Und dann passiert ein Massaker zwischen mindestens zwei rivalisierenden Banden, wobei es ebenfalls zu einer Explosion kommt. Die Zeugenaussagen bei den Vorfällen wollen einfach nicht wirklich passen, immer wieder stellen die Kollegen des A-Teams anhand von Zeichnungen die Sitzplätze des Kneipentatortes aller Zeugen zusammen. Ein wichtiger Zeuge, der angeblich still vor sich hin in einem Buch gelesen haben will und nichts mitbekam, ist unauffindbar. Und schließlich sind auch noch die Kommissare der Pädohilentruppe involviert sowie zwei Liebespaare, eines auf der Seite der Polizei, eines auf der Seite der Opfer? Oder doch Täter? Die Spuren führen ins ehemalige Jugoslawien und seinen Nachfolgestaaten, zu Pädophilen, korrupten Polizisten und vielem mehr. Das innig verliebte Polizistenpaar arbeitet in zwei verschiedenen Bereichen, das aber viel mehr miteinander zu tun hat, als es im ersten Augenblick erscheint. Doch da beide aus Respekt voreinander die Schweigepflicht penibel einhalten, kommt es fast zu Katastrophe.
Und die sehr teuren internetfähigen Handys, von denen ich am Anfang berichtet hatte, spielen auch eine wichtige Rolle. Wer sind diese Leute, die sie benutzen, als wäre es absolut nichts neues für sie, immer und überall vernetzt zu sein? Wie einfach es auf der einen Seite noch um das Jahr 2000 war, sich im World Wide Web zu verstecken, so schwierig waren wohl die Recherchen. Doch mit jedem Tag werden Erfahrungen gemacht, um die dunklen Stellen zu ermitteln, die Verstrickungen zu lösen, wie auch diesen komplexen Fall. Toll geschrieben bis zur letzten Seite. Falls also noch jemand dieses Buch nicht kennt, auf der Suche nach einem guten Kriminalroman ist, der liegt hier mit Sicherheit nicht falsch.
Im Netz findet sich genug über den Autor, trotzdem hier ein Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Arne_Dahl

Allein gegen den Feind

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So wie auch schon im Buch des Journalisten Jeremy Scahill „Schmutzige Kriege – Amerikas geheime Kommandoaktionen“ auf die aufeinander eifersüchtigen Ministerien und Institutionen in Amerika hingewiesen wurde, wird entsprechend auch im nachfolgend vorgestellten Buch hingewiesen. Und zwar mehr als einmal.
In dem von Ex-FBI-Agent Joe Navarro „Allein gegen den Feind – Wie ich den größten Skandal der USA aufdeckte“ geschriebenen, als Thriller deklarierten Buch, sind die Schwierigkeiten, die ein Ermittler zu ertragen hat, kaum verhüllt. Ob sich die Geschichte, ich ich in groben Zügen erläutere, tatsächlich so zugetragen hat, habe ich nicht recherchiert.
Um was geht es? Während des kalten Krieges wird Rod, in Deutschland stationiert, von einem seiner Kameraden angeworben, ihm dabei zu helfen, streng geheime Dokumente an den Feind zu verkaufen. Die Geschichte spielt um die Zeit 1988 bis 1990, und natürlich die Zeit davor, als Rod in Deutschland war. Wie er zur Spionagetätigkeit kommt, woher die Dokumente stammen, warum sie keiner vermisst, all das wird beschrieben. Nach einem Drogendelikt wird Rod aus der Armee entlassen und nach Hause geschickt. Der FBI-Agent Joe Navarro wird beauftragt, nachdem die Behörden auf Rod aufmerksam wurden, diesen zu befragen, ob er irgendetwas wüsste von dem inzwischen verhafteten Kameraden. Die Geschichte von Joe, ein Einwandererkind und sehr bemüßigt, ein guter Amerikaner zu sein, wird ebenfalls erzählt. Joe, der sich auf seine Fähigkeit verlässt, Verdächtige anhand ihrer Körpersprache zu analysieren, ist sich von Anfang an sicher, dass Rod schuldig ist. Denn er hat in einer bestimmten Situation während eines Gespräches verdächtig gezuckt. Am liebsten arbeitet er alleine, bei Rod aber gerne mit einem weiblichen Agenten, die für diesen einen Mutterersatz sein soll, Vertrauen aufbauend, ihn dazu zu bringen, Geheimnisse zu verraten und sich selbst gleich mit, damit Joe ihn ins Gefängnis bringen kann. Das alles ist gar nicht so einfach, wenn nicht die Geheimdienste, Außenministerium, Armeeverwaltung und noch viele andere Institutionen vor lauter Neid sich gegenseitig im Weg stehen würden. Noch dazu fällt die Berliner Mauer, der kalte Krieg endet, diese Art der Spionage, wie Rod und sein Kamerad es betrieben haben, wird nicht mehr benötigt. Aber Verbrechen ist Verbrechen und Joe versucht mit allen Mitteln Rod zu überführen.
Gleich auf den ersten Seiten finde ich Schreibfehler, was mich gar nicht mehr aufregt, wenn da nicht diese Bemerkung wäre, einen Text abschließend rückwärts zu lesen, eine von Navarro empfohlene gute Methode, um Tippfehler aufzudecken. Rod ist angeblich super intelligent und hat ein fotografisches Gedächtnis. Irgendwie kann ich es dem Autor aber nicht abnehmen. Wenn Rod wirklich so schlau ist, warum führt er dann dieses nicht gerade tolle Leben?
Der FBI-Agent wirkt eingebildet, arrogant, sehr von sich überzeugt. Nur die anderen Kollegen handeln uneinsichtig, in seinen Augen falsch und auf deren eigene Vorteile bedacht. Das wirkt nicht gerade sympathisch. Über den Schreibstil fallen mir Worte ein wie kernig, markig, für männliche Leser gedacht. Seinen Kolleginnen gegenüber verlangt er sehr viel ab, bewundert und respektiert sie aber gleichwohl. Bürokratie ist ihm ein Dorn im Auge, da kann er sich noch so sehr abstrampeln, aber wehe ihm fehlt der Beleg, dass mit seinem Fahrzeug die nötigen Untersuchungen getätigt wurden. Da kann man schon fast Mitleid haben. Über die immense Arbeitswut vergisst er seine eigene Familie, vernachlässigt seine Gesundheit, und ob er noch die Kraft aufbringt, diese Erkenntnisse zu erlangen, wird hier nicht verraten.
Über den Autor verrät uns die Internetseite https://de.wikipedia.org/wiki/Joe_Navarro einiges.

Schmutzige Kriege

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Aufgrund der Krisen in der islamischen Welt möchte ich auf folgendes Buch aufmerksam machen, das rückblickend aus der Sicht des investigativen Journalisten Jeremy Scahill „Schmutzige Kriege – Amerikas geheime Kommandoaktionen“ auch auf die heutige Lage zwischen diesen Regionen erhellend wirkt.

Der Autor beschreibt auf etwa 600 Seiten sehr detailliert und dokumentarisch den Krieg der USA gegen den Terror. Die ausführlichen Recherchen reichen vom 11. September 2001 bis ins Jahr 2011 und zeichnen das Bild eines brutalen Krieges, dessen Schlachtfeld die ganze Welt ist. Wir erfahren viel über die Arbeitsweisen von Geheimdiensten und Spezialeinsatzkommandos, von denen bisher die wenigsten von uns etwas gewusst haben könnten. Diese Spezialtruppen agieren weitgehend unabhängig voneinander und außerhalb des Einflussbereiches der politischen Entscheidungsträger. Die Koordination untereinander ist dürftig. Jeder hält seine Truppe für die beste. Es werden Terrorverdächtige eingesperrt und brutal gefoltert. Es gibt weder Anklagen noch Gerichtsurteile. Keine Möglichkeit, sich zu verteidigen, falls die Vorwürfe unbegründet sind. Viele landen auf einer Todesliste und werden durch Cruisemissiles oder Drohnen exekutiert. Es kann dabei auch schon mal eine Hochzeits- oder Trauergesellschaft als Kollateralschaden liquidiert werden. Aber dieser Krieg gegen den Terror produziert in der Bevölkerung der betroffenen Länder auch Hass gegen die USA und die westliche Welt und an die Stelle eines getöteten Terroristen treten viele neue. Ein Fass ohne Boden.

Der Autor beschreibt über das ganze Buch hinweg die Lebensgeschichte von Anwar Awlaki, einem in den USA geborenen und aufgewachsenen jungen Mann mit jemenitischen Eltern. In seiner Jugend war er ein überzeugter Amerikaner, gebildet und weltoffen. Doch das harte Vorgehen der USA gegen Terroristen in islamischen Ländern enttäuscht ihn zutiefst und er kehrt zurück in den Jemen zu seiner Familie. Er ereifert sich für den Islam und wird zum Prediger. Seine Wortgewandtheit beschert ihm viele Anhänger, die sich durch seine Reden teilweise zu gewalttätigen Aktionen ermutigt fühlen. Sehr zum Missfallen der Geheimdienste. Er wird gejagt und durch eine US-Rakete letztendlich in die Luft gesprengt. Awlaki hat in seinen Predigten gegen den Westen agitiert, aber er hat nie selbst terroristische Aktionen befohlen oder ausgeführt. Für ein Verbrechen wurde er niemals öffentlich angeklagt oder verurteilt.

Kurze Zeit vor Awlakis Tod hat sein Sohn noch versucht, seinen Vater in dessen Versteck zu besuchen. Eine US-Rakete ließ von dem unbescholtenen amerikanischen Teenager nicht viel übrig. Ein Missverständnis, so die Behörden.

Der Autor widmet sich auch dem spektakulären Ende von Osama bin Laden in seiner Villa im pakistanischen Abbottabad. Niedergestreckt durch eine brisante, präzise und professionell ausgeführten Kommandoaktion der Navi-SEAL’s. Aber das ist nicht das Ende dieses Krieges.

Einem langen Epilog und Abkürzungsverzeichnis folgt ein umfangreiches Literaturverzeichnis, das dem Leser das Recherchieren leichter macht. Zu allen 50 Kapiteln sind Quellenangaben verzeichnet und auch zum Epilog. In Zeiten von Fake News, bei der man jeder veröffentlichten Nachricht, nicht nur aus Amerika, kritisch gegenüber stehen muss, ist es schon eine Offenbarung und zeigt, wie wichtig unabhängiger Journalismus und kritische Berichterstattung sind.

Eine Dokumentation in der ARD über Inhalte dieses Buches findet man zum Beispiel unter https://www.youtube.com/watch?v=bxVbUXI8x5c
sowie Beispielhaft eine weitere Buchbesprechung unter http://www.faz.net/aktuell/politik/politische-buecher/jeremy-scahill-schmutzige-kriege-risiken-und-nebenwirkungen-12781536.html
das Autorenporträt unter: http://www.kunstmann.de/titel-0-0/schmutzige_kriege-997/